Wir werden gebildet

Die Privatisierung der Gesellschaft hat den Sektor Bildung in vollem Umfang erfasst. [1] Bertelsmann, Burda, Facebook und einige andere multinationale Medienunternehmen versorgen uns mit Bildung. Von deren Bildungsangeboten werden wir geradezu überschwemmt, 24 Stunden am Tag können wir uns bilden und wenn wir die elektronischen Medien einschalten, werden wir auch tatsächlich gebildet. Und zwar umfassend und ohne Pause.

Aber vor allem sind wir heute dank der multinationalen Medienunternehmen selbst in der Lage, andere zu bilden. In den Chats und Blogs dieser Firmen können wir unser Wissen und unsere Halbbildung zu den Zusammenhängen in unserer Gesellschaft weitergeben.

So zeigt auch das Beispiel Covid-19, dass für viele Personen Aussagen in sozialen Medien einen höheren Stellenwert haben als Fachwissen aus dem medizinischen Bereich. Diese Foren sind mit ihrer immensen gesellschaftlichen Bedeutung die Küche für unsere Werte. Dort wird entschieden, was angesagt ist, welche Werte für unser alltägliches Verhalten gelten.

Die Erwachsenenbildung erfolgt heute durch die privaten Bildungsträger RTL, Sat 1 und andere private Fernsehkanäle, die politische Bildung wird in den Chats und Blogs durchgeführt. Die traditionellen Bildungsträger wie die „Bundeszentrale für Politische Bildung“, die parteinahen Stiftungen, die Akademien der Kirchen und die Volkshochschulen, die noch bis in die 1990er Jahre einen hohen Anteil an unserer Bildung hatten, wurden längst von den multinationalen Medienunternehmen abgelöst. Heute wirken diese Institutionen antiquiert und wie ein Relikt einer längst vergangenen Zeit.

Auch die Spiele der Medienunternehmen bilden uns. Die Werte, die über diese Spiele vermittelt werden, bestimmen weltweit unser Zusammenleben. Vor dem digitalen Zeitalter wurden die Werte durch die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen vermittelt, heute werden sie in den Chefetagen dieser Unternehmen festgelegt. Die Avatare, die Stars in den Spielen, mal digitaler Mensch, mal virtuelle Tier-Mensch-Wesen, haben einen Teil unserer Bildung übernommen.

Die Medienunternehmen geben das Political Correctness vor

Von den Medienunternehmen werden wir nicht nur indirekt über ihre Informations- und Kommunikationskanäle gebildet. Diese Unternehmen verkaufen auch unmittelbar Bildung und mischen sich auch massiv in die Art und Weise, wie gebildet wird, ein. Ein Prototyp für ein weltweit erfolgreiches Bildungsunternehmen ist Bertelsmann.

Wenn wir im Internet unterwegs sind, treffen wir in der einen oder anderen Form auf Bertelsmann. Meistens erkennen wir nicht, dass diese Firma uns ihre Meinungen als Informationen anbietet. Denn mit seinen zahlreichen Tochterfirmen und Firmenbeteiligungen hat Bertelsmann die globale Kommunikation mit einem Netz überzogen, von dem aus der Einfluss auf unsere moralische Einstellung und damit auf unser Sozialverhalten enorm geworden ist.

Ein Instrument dieser Geschäftstätigkeit ist das Content-Marketing mit seiner hohen Erfolgsquote bei der Privatisierung der Gesellschaft, die ohne diese Marketing-Strategie nicht so reibungslos funktionieren würde. [2] Die Firmen bieten auf den unterschiedlichsten Websites, auf Foren, Chats usw. eine Mischung aus scheinbar nützlichen Informationen, aus Wissen und aus Unterhaltung an.

Mit dem Wissen werden wir gebildet und mit den Unterhaltungsangeboten werden die nützlichen Informationen und die von den Firmen ausgesuchten Nachrichten in ein positives Umfeld gesetzt. Wir werden im Sinne von Bertelsmann positiv gestimmt. Über dieses komplexe Angebot, das wir gerne und interessiert annehmen, vermitteln Bertelsmann, Burda und viele andere multinationale Unternehmen Inhalte, um uns an das jeweilige Unternehmen zu binden.

Unter anderem über ihre Tochtergesellschaften steuern die Medienunternehmen weltweit die Auswahl von Informationen in ihren Nachrichtenportalen und geben damit letztendlich die Political Correctness vor.

Wir erfahren von dem Unternehmen, nach welchen moralischen Normen wir uns deshalb richten sollen, damit wir gerne ihre Angebote konsumieren. Dazu zählen auch zahlreiche private Clips von Influencern, die ihr tägliches Leben scheinbar neutral darstellen, deren Inhalte aber von Firmen vorgegeben werden.

Das neue Lernen in der Schule 4.0

Auch in die Schulbildung greifen multinationale Unternehmen ein. Aus Sicht der Wirtschaft verständlich, denn für die erfolgreiche Entwicklung der Industrie 4.0 – mit ihrer digitalen Transformation von Arbeitsprozessen als vierte industrielle Revolution bezeichnet – ist eine Schule 4.0 unerlässlich.

Deren Entwicklung ist längst auf dem Weg. In zahlreichen Schulprojekten wie unter anderem in der Multi-Media Berufsbildende Schulen Hannover (MM-BbS) arbeiten multinationale Unternehmen eng mit Schulen zusammen. Nikon arbeitet in der MM-Bbs mit, ebenso SAP, der multinationale Produzent von Software für Geschäftsprozesse, der die Schule in sein Projekt erp4school eingebunden hat. Bei solchen Kooperationsprojekten werden Inhalte und Sichtweisen der Unternehmen in den Schulunterricht eingebracht.

Programme und Konzepte von oder mit Beteiligung von multinationalen Unternehmen für einen digitalen Schulunterricht werden schon seit vielen Jahren angewandt. Sei es das Blended Learning oder konkrete Beispiele wie die Synergieschool, das Google Classroom und Flip Your Class.

Die seit Jahren engen finanziellen und inhaltlichen Kooperationen zwischen der Wirtschaft und den Universitäten, bei denen von Seiten multinationaler Unternehmen auch ein intensiver Curricula-Input erfolgt, seien an dieser Stelle nur als solche erwähnt.

4.0 am besten schon im Vorschulalter

Auch im Vorschulalter hält das digitale Lernen bereits Einzug. Die Kinder sollen mit dem digitalen Spielen und Lernen bereits vor der Schule eine „Medienkompetenz“ erreichen, was nach Bertelsmann die „Schlüsselqualifikation“ unserer Zeit ist. [3] Der Fernsehsender Super RTL, Teil der RTL Group, die zu 75 % Eigentum von Bertelsmann ist, zählt auch zu den Mitbegründern der Initiative „Media Smart“.

Deren Ziel ist es, Kompetenz im Umgang mit Medien und Werbung bereits im Vorschulalter zu fördern und so einen Beitrag zur Bildung von mündigen Verbrauchern zu leisten“. [4] Die Kinder soll so früh wie nur möglich als Konsumenten geschult werden. Fördermitglied von Media Smart ist unter anderem der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft. Private Bildungsangebote haben das Ziel, über die Vermittlung von Wissen und interessanten Nachrichten uns Konsumenten an die Unternehmen zu binden.

Aus der Entwicklung der Schule 4.0 resultieren Fragen, die bereits in den nächsten Jahren aktuell sein werden

  • Was bedeutet die für die Schule 4.0 notwendige enge Vernetzung der Schulen mit privaten Unternehmen für den Schulunterricht?
  • Wie wird diese Vernetzung durchgeführt, etwa durch den Kauf von Schulen durch multinationale Unternehmen entsprechend der kommunalen Privatisierung der Energie- und Wasserversorgung?
  • Wie werden multinationale Unternehmen in die Ausbildung der Lehrkräfte für Schulen einbezogen?
  • Wie können multinationale Unternehmen in die Lerninhalte einbezogen werden?
    Die Geschichte von Firmenimperien zur Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklung?
  • Wie wird die praktische Ausbildung an den Schulen stärker in die betrieblichen Abläufe von Unternehmen integriert?
  • Wie werden multinationale Medienunternehmen wie Bertelsmann, Burda, Google usw. in die Transformation 4.0 des Schulsystems einbezogen werden, unter anderem in die digitale Modernisierung der antiquierten Unterrichtsform?

Die gegenwärtige Praxis zeigt, dass die multinationalen Unternehmen uns die Bildung geben, die wir brauchen, um mitzureden und im Mainstream mitschwimmen zu können. Sie zeigen uns, was in und was out ist. Wir sind ihnen dankbar dafür, dass sie viele dieser Informationen für uns inhaltlich „vorkosten“ und bewerten. Damit wir wissen, welche Nachrichten für uns wichtig und welche unwichtig sind.


[1] Die Inhalte dieser Seite sind überwiegend entnommen aus: Schott, Peter 2018: Die Wirtschaft – Dein Freund und Helfer.- These 1, Kindle eBook.

[2] siehe auch Wikipedia

[3] www.bertelsmann.de/verantwortung/gesellschaft/medienkompetenz

[4] www.mediasmart.de/medienpädagogik

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